Ein syrischer Maler in Deutschland

von Dagmar Kübler

Der Syrien-Krieg hat bislang fast eine halbe Million Menschenleben gefordert und zwölf Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht, was circa der Hälfte der syrischen Bevölkerung entspricht. Etwa 6,1 Millionen Syrer gelten als Binnenflüchtlinge, circa 5,6 Millionen sind ins Ausland geflohen. Einer von ihnen ist Ali Mahmoud, der heute, zusammen mit seinem jüngsten Bruder, in Augsburg lebt.

 

Ali ist 30 Jahre alt, er hat fünf Geschwister. Der Krieg hat die Familie auseinandergerissen, die Familienmitglieder leben heute in Deutschland, Holland, Österreich und Dubai. Jede Flucht kostet Geld, viel Geld. 10.000 Euro musste Ali den Schleusern insgesamt bezahlen. Das Geld hätte nicht gereicht, um der Familie die gemeinsame Flucht zu gestatten, deshalb machte sich immer einer auf den Weg, wenn genügend Geld beisammen war. 2011 brach der Krieg aus, Ali wohnte damals in Damaskus. 2012 zogen sie vor dem herannahenden Krieg in eine andere Gegend. 2013 wurde die Uni geschlossen, an der Ali Kunst studierte, und die Lebensbedingungen wurden immer schlechter. 2014 brachen Ali und Mohammed auf – zu einer Reise ins Ungewisse, mit dabei nur Geld und Kleider.

 

Über den Libanon gelangten sie in die Türkei, verbrachten dort vier Monate in einem Lager und kamen für zwei Tage ins Gefängnis, weil sie versucht hatten, nach Griechenland weiterzukommen. Endlich glückte das, per Boot. Ab Thessaloniki gelangten sie über Mazedonien nach Serbien, die meiste Strecke zu Fuß, dann per Bus und Auto weiter nach Ungarn. Dort behielt die Polizei ihre Pässe ein und erlaubte nur die Ausreise nach Deutschland. So gelangten die Brüder 2015 nach München in ein Auffanglager und danach nach Langweid am Lech. Nach einem Jahr war Mohammed anerkannt, bei Ali dauerte es acht Monate länger. Da er Bart und lange Haare trug, wurde er auf IS-Zugehörigkeit geprüft. Doch dann sagte einer: „Der hat ja ein Piercing, der kann nicht bei der IS sein“ – und Ali durfte bleiben. Nach 1,5 Jahren fanden sie eine Wohnung in Augsburg.
Ali wollte nie nach Deutschland. Dass er hier nicht richtig angekommen ist, liegt auch an ihm. Ali ist homosexuell. Bereits in Syrien hat er vor acht Jahren im Internet Kontakt zu einem Mann in Holland geknüpft – und sich in ihn verliebt, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Mit der Flucht verband er auch die Hoffnung, nach Holland zu kommen. Dort zu leben, ist ihm bis heute verwehrt. Zwar darf er Besuche in Holland machen, aber er muss in dem Land, in dem er als Asylsuchender anerkannt wurde, leben und ist verpflichtet, hier Deutschkurse zu besuchen.

Ali spricht fünf Sprachen: arabisch, englisch, französisch, deutsch und niederländisch. Man kann sich mit ihm auf Deutsch unterhalten, aber er braucht Zeit, um seine Sätze zu formulieren. Das macht ihn ungeduldig, und so wechselt er schnell in Englisch. Als Deutscher muss man lachen, wenn er von seinem ersten Eindruck unseres Landes erzählt: „Ich war schockiert! Ich dachte, Deutschland ist wie New York, und dann sehe ich da lauter Bauernhöfe und alte Häuser. Ich konnte nicht glau- ben, dass ich in Deutschland war!“ Zuerst verkroch sich Ali in seinem Zimmer, verfiel in Depressionen. Während sich die Fußballvereine um seinen Bruder rissen, dieser schnell Deutsch lernte und bald eine Arbeit fand (inzwischen macht er bei diesem Arbeitgeber eine Ausbildung), lebte Ali erst auf, als seine Bilder und Lithografien aus Syrien eintrafen, die ihm Freunde geschickt hatten.

 

„Beim Malen verliere ich meine negative Energie“
Er begann wieder zu malen und konnte dadurch besser mit seiner Situation umgehen. „Beim Malen verliere ich meine negative Energie. Ich bringe meine Emotionen auf das Papier“, beschreibt er seinen Malprozess. Ali denkt, das könnte auch anderen Menschen mit negativen Erfahrungen helfen. Deshalb hat er zusammen mit Maximilian Huber von Projekt Randerscheinungen e.V. im Rahmen der Interkulturellen Tage in Landsberg im Oktober 2018 den Workshop ARTS & DIVERSITY durchgeführt. Auf Grundlage des Tagebuches von Anne Frank und Gesprächen über Rassismus, Diskriminierung und Vorurteile leitete er die Teilnehmer zum Malen an und zeigte verschiedene kreative Techniken.

Ali Mahmoud ist in Deutschland als Künstler noch wenig bekannt. In Holland hatte er jedoch schon einige Ausstellungen und konnte Bilder verkaufen. Dort ist auch sein Atelier. Doch ohne Malen kommt er auch in Augsburg nicht aus. Ein Quadratmeter liegt in seinem kleinen Zimmer zwischen Bett und Wand. Dort, auf dem Boden, malt er. So ist gerade ein fröhliches Bild entstanden, ein Liebespaar, er barfuß, sie mit roten Stöckelschuhen, in einer Blumenwiese, ein Hündchen daneben, im Hinter- grund ein deutsches Dorf. Eine Idylle, wie es sie im Leben von Ali derzeit nicht gibt. Er will mit seinem Freund in Holland zusammenleben – und darf nicht. Ali geht zum Schreibtisch, alles in diesem Zimmer, in dieser Wohnung ist ordentlich und freundlich eingerichtet, und blättert in seinem Skizzenbuch. Viele Porträts finden sich darin, Akte, Stillleben, Rosen in einer Vase, Kürbisse aneinan- dergereiht. Seine Bilder entstehen immer durch Emotionen, er fängt einfach an zu malen, ohne besondere Motivsuche – und es entsteht etwas. Auch die Gesichter im Skizzenbuch sind nicht alle real, sie sind seinem Bleistift entsprungen.