Ausgegrenzt oder mittendrin?

von Dagmar Kübler

 

Wenn ich an Ausgrenzung während meiner Schulzeit denke, dann denke ich an Esther. Esther lispelte, war unförmig, unsportlich, unmodisch. Sämtliche Witze gingen auf Esthers Konto, auch die der Klassenlehrerin. Niemand in der Klasse war mit Esther befreundet. Das mindeste, was ich für sie tun konnte, war nicht immer mitzulachen.

 

Ich weiß nicht, was all‘ die Ausgrenzung mit Esther gemacht hat, ich habe sie aus den Augen verloren. Ich jedenfalls kann mich auch heute noch an die – vergleichsweise – wenigen Speere erinnern, die Klassenkameraden gegen mich geschossen haben. Stärkere bestimmen in diesem Moment, dass man nicht dazu gehört, was unweigerlich zu negativen Gedanken und Gefühlen führt (Was ist falsch an mir?), denn der Mensch ist nun mal ein „Herdentier“. Zwar arbeiten wir fleißig daran, uns als Individuum darzustellen, wollen in der „Herde“ nicht ungesehen untergehen, aber doch dazugehören.

Weit größere Schwierigkeiten mit dem Dazugehören haben Minderheiten. Die Mehrheit bestimmt, wer die Minderheit ist. Gerade in jungen Jahren, wenn der Mensch in der Entwicklung ist, kann es schnell passieren, eine Randerscheinung zu werden. Da legt ein 12-jähriger Junge plötzlich ein feminin angehauchtes Verhalten an den Tag, will die harten Jungsspiele nicht mitmachen, trägt die falsche Farbe, und schon gehört er nicht mehr dazu, wird als schwul abgestempelt – noch bevor er seine eigene Sexualität entdeckt hat. Pubertät ist zumeist mit Unsicherheit verbunden, man verändert sich rasant, was die Frage aufwirft: „Bin ich normal?“ Was normal ist, bestimmt die Mehrheit, bestimmt das in unserer Kultur gelebte Rollenbild. Ein Mann begehrt eine Frau, eine Frau begehrt einen Mann, sie zeugen ein Kind. Gerade in Regionen mit weitgehend homogener Bevölkerung lässt sich die Formel ergänzen mit der Hautfarbe (weiß) und der Religion (christlich).

 

„Bin ich normal?“

Zwar sind Schwule und Lesben in unserer Gesellschaft sichtbarer geworden und die Toleranz größer, nicht zu- letzt durch Promis, die sich geoutet haben. Normal sind jedoch nach wie vor „die anderen“. „Du schwule Sau!“ schreien Grundschüler auf den Schulhof, wenn sich einer nicht mutig (männlich) genug verhält. „Das tut uns Leid“, antworteten Kommilitonen eines Bekannten, der sich am Ende seines Studiums als schwul outete. Es scheint, dass Frauen schwule Männer besser akzeptieren können. So können sie mit Männern befreundet sein, ohne angemacht zu werden. Männer jedoch fühlen sich durch deren rollenuntypisches Verhalten verunsichert, reagieren häufig mit Spott, Häme oder Aggression. Das gilt insbesondere für Jungs, die selbst noch in der Selbstdefinition sind. Ältere Generationen, die in Zeiten aufgewachsen sind, als Sexualität noch ein Tabu war, schütteln oft empört die Köpfe und schimpfen, wenn sie ein gleichgeschlechtliches Paar sehen. Häufig ist auch zu hören: „Die können doch machen, was sie wollen, solange sie mich in Ruhe lassen.“ Doch auch hinter dieser scheinbaren Akzeptanz steckt die Einteilung in normal und nicht-normal.

 

Geschlechtliche Vielfalt ist normal

Normal ist jedoch, dass es geschlechtliche Vielfalt gibt. Fünf bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung sind lesbisch oder schwul. Jedoch ist die Vielfalt an Sexualität weit größer. Bisexuelle Menschen fühlen sich zu beiden Geschlechtern hingezogen, zu einem Zeitpunkt oder auch wechselnd im Laufe ihres Lebens. Das ist verwirrend für die Umgebung („Zuerst war die Brigitte mit einer Frau zusammen, jetzt hat sie einen Mann.“). Transsexuelle Menschen haben zwar eindeutige Geschlechtsmerkmale, fühlen sich jedoch als das andere Geschlecht. Man spricht von Transmännern, wenn weibliche Geschlechtsmerkmale vorliegen, sich die Menschen aber als Männer fühlen. Transfrauen haben männliche Geschlechtsmerkmale, fühlen sich jedoch weiblich. Intergeschlechtliche Menschen sind Personen mit Merkmalen beider Geschlechter. Die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale ist das Ergebnis einer Vielzahl biomedizinischer Prozesse, bedingt durch genetische Anlagen und hormonelle Abläufe, z.B. bei der Testosteronproduktion.

 

So können Personen entstehen mit männlichem Aussehen und Eierstöcken, mit Penis und Scheide. Es kommen die unterschiedlichsten Variationen vor – in einer Gesellschaft, die nur zwei Geschlechter kennt und anerkennt. Während Intergeschlechtlichkeit sogar als krank eingestuft wird bzw. wurde, versuchen diese Menschen, ihre Identität, Sexualität und eine berufliche Anstellung zu finden. Auch wenn keine körperliche Einschränkung vorliegt, erweist sich das oft als schwierig. Erst seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich die Forschung mit den Lebenslagen von homosexuellen und bisexuellen Jugendlichen, mit Trans-Jugendlichen erst seit Anfang des Jahrtausends. Bereits in jungen Jahren nehmen diese Jugendlichen ihre Gefühle wahr und stellen sich Identitätsfragen. Es ist ja nicht so, dass man aufwacht und weiß, man ist schwul. Es ist eine Suche, unter Umständen auch ein Ausprobieren mit Fehlschlägen und Enttäuschungen.